Wie jede:r von uns Qualität im Wein finden kann

Der Pinot & Pixel Blog
5 min readMar 8, 2023

Wein ist seit Jahrtausenden Bestandteil vieler Kulturen und wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens. Die Qualität des Getränks wird von vielen Faktoren in einem durchaus komplexen System beeinflusst. Es beginnt bereits im Weinberg mit Klima, Rebsorte und Terroir und wird durch Anbau- und Weinbereitungsprozess fortgeführt. Einfach messen kann ich es nicht. Dieser Artikel schafft Klarheit, welche Faktoren die Qualität beeinflussen und wie wir sie beim Trinken wahrnehmen können. Und am Ende klären wir die Frage, was Qualität mindestens kostet.

Starten wir im Weinberg. Die Wahl der Rebsorte ist entscheidend für die Qualität des Weins. Jede Rebsorte hat ihre eigenen charakteristischen Merkmale und beeinflusst Geschmack, Aroma und Textur des Weins. Manche Rebsorten liefern trinkfreudige, einfache Weine. Andere bringen uns komplexe, vielschichtige Tropfen, die mitunter sehr lagerfähig sind.

Der nächste wesentliche Faktor sind die Umgebungsbedingungen: Bodenbeschaffenheit, Klima und Sonneneinstrahlung haben Einfluss auf die Trauben und somit auch auf Qualität und Geschmack des Weins. Zuviel Sonne kann Aromen und Säure so stark abbauen, dass die resultierenden Weine flach und langweilig schmecken. Zu wenig Sonne lässt die Trauben vielleicht nicht ausreifen und bringt störende grüne Aromen und Bitterkeit in den Wein. Daher spielt auch der Lesezeitpunkt eine so große Rolle für die Traubenqualität. Die Trauben sollten gesund, unversehrt und möglichst kühl im Keller ankommen. Daher wird oft akribisch geprüft, wann die Lese sinnvoll und notwendig ist, wie gesund das Lesegut ist und sichergestellt, wie die Trauben am besten in den Keller gelangen.

Dort angekommen, werden die nächsten Schritte in Richtung Qualität gemacht. Die Wahl der Gärungsmethode, der Mazerations- und Fermentationszeit, der Reifezeit und der Art der Lagerung kann die Qualität des Weins stark beeinflussen. Auch spielt die Temperatur des gärenden Mostes bzw. der Umgebung eine große Rolle dabei. Niedrige Temperaturen lassen die resultierenden Weine frischer und die Frucht kühler wirken, warm vergorene Weine werden fülliger und in den Aromen wärmer bzw. marmeladiger.

Die richtige Lagerung ist ein wesentlicher Faktor für Qualität

Sind die Weine dann abgefüllt, sind Lagerung und Transport der Flaschen ein weiterer Faktor für Qualität. Eine gute Lagerung kann diese erhalten und die Lagerfähigkeit eines Weines verlängern. Intensiver Transport oder zu warme, helle oder trockene Lagerung sind hierfür sehr kontraproduktiv.

Wie nehme ich Qualität nun wahr?

Haben wir das Objekt der Begierde nun vor uns stehen, fragt sich, wie wir ohne Recherche im Internet oder den persönlichen Weinfreak am Tisch herausfinden, wie qualitativ das Zeug nun ist. Zumal die Wahrnehmung von Weinqualität sehr subjektiv ist und oft mit dem persönlichen Geschmack vermischt wird. Dennoch gibt es durchaus Faktoren, die wir in Betracht ziehen können. Grundsätzlich erforschen wir diese mit Augen, Nase und Mund. Daher ist die klassische Verkostungsnotiz auch in Aussehen, Geruch und Geschmack der Weine aufgeteilt.

Das gezielte Verkosten von Weinen schult Nase und Gaumen.

Das Aussehen allein gibt nur wenig Aufschluss, welche Qualität der Wein hat. Früher galt ein Wein, der sehr zähflüssig war und beim Schwenken die berühmt berüchtigten Kirchenfenster im Glas erzeugte, als qualitativ hochwertig. Dies beruht auf dem Ansehen des alten germanischen Weingesetzes, bei dem ein Wein qualitativ hochwertiger war, je höher der Zuckergrad war (Auslese, Beerenauslese, Trockenbeerenauslese, etc.). Am Ende sind Alkohol und Zucker für zähflüssigere Weine verantwortlich und kein alleiniges Indiz für Qualität. Dennoch kann ich an der Farbe von Weinen zumindest schlussfolgern, wie alt sie sind und ob sie gut gelagert waren.

In Kombination mit dem Geruch kann ich Weinfehler zu einem großen Teil ausschließen, da sich viele davon (Kork, Mäuseln, Aceton) in der Nase äußern. Wie aromatisch ein Wein in der Nase ist bzw. wie intensiv er duftet, ist allein kein Qualitätsmerkmal. Dies kann auch durch die Rebsorte oder verwendete Aromahefe begünstigt sein. Ein intensiver Geruch lässt sicher aus subjektiver Sicht das ein oder andere Herz höher schlagen, wenn es um persönliche Vorlieben und Geschmack geht. Qualität allein zeigt sich dadurch noch nicht.

Das wichtigste Werkzeug für die Feststellung ist unser Mund. Hier nehmen wir Süße, Säure, Bitterkeit, Salzigkeit und Umami (ein an Gemüsebrühwürfel erinnerndes Mundgefühl) geschmacklich wahr. Wir bekommen ein Gefühl dafür, wie balanciert diese Faktoren sind. Wird ein Wein etwa durch Säure oder Gerbstoff (Tannin) dominiert oder durch den Alkohol negativ beeinflusst (wird gern mal warm beim Schlucken), spricht das selten für Qualität. Sind die Faktoren jedoch sehr ausgewogen und harmonisch, spricht das für ein hochwertigeres Produkt.

Durch die Beschaffenheit unseres Rachens und der Tatsache das Mund und Nase miteinander verbunden sind, können wir beim Schlucken auch die Aromenkomplexität wahrnehmen. Je intensiver wir sie wahrnehmen, desto höher ist die Qualität. Im Gegensatz zur Nase kann das Vorhandensein verschiedener Aromen am Gaumen nicht allein durch Hefen beeinflusst werden und ist ein klares Anzeichen für schonende Verarbeitung, gute Traubenqualität und somit auch für ein wertiges Endprodukt.

Wichtig hierbei: ein bestimmtes, sehr intensives Aroma ist hier klar weniger wertvoll als viele verschiedene Aromen, die sich nicht so extrovertiert zeigen. Komplexität vor Intensität!

Der letzte wichtige Faktor ist die Länge eines Weins. Das beschreibt weder die Höhe der Flasche noch die Länge der Pfütze, falls wir ein Glas umgeworfen haben. Bildlich gesprochen messe ich die Länge eines Weines, in dem ich ihn schlucke und anschließend die Sekunden zähle, in denen ich ihn noch schmecken kann. Nicht nur die Säure, nicht nur die Gerbstoffe. Den ganzen Wein. Je länger, desto höher die Qualität. Sehr gut beginnt ab etwa sieben Sekunden und kann bei großen Weinen auch mal ein paar Minuten andauern. Dann heißt es: zurücklehnen, genießen und anschließend für Nachschub sorgen.

Und was kostet nun Qualität?

Machen wir ein Rechenbeispiel. Nehmen wir einen Wein für sechs Euro aus einem Weingut in Westeuropa. Dann ziehen wir davon die durchschnittliche Mehrwertsteuer von etwa 20 % ab und landen bei fünf Euro. Dann subtrahieren wir die gesamte Verpackung: Flasche, Verschluss, Etikett, Kartonage und kommen auf etwa 3,50 Euro. Dann subtrahieren wir die Trauben, 1kg für eine Flasche Qualitätswein, etwa 2,50 Euro (in vielen Regionen weit darüber). Damit bleibt etwa ein Euro für die gesamte Weinbergs- und Weinkellerarbeit UND die notwendige Marge für den wirtschaftlichen Erhalt des Betriebes. Unmöglich!

Es gibt auf jeden Fall gut gemachte, trinkfreudige und auch schmackhafte Weine für jeden von uns für 6–8 Euro. Keine Frage. Unter 10 Euro wirklich Qualität zu bekommen, ist allerdings — insbesondere in Zeiten von Preisanstiegen, Inflation, Krieg und Lieferengpässen — sehr unrealistisch.

Also: lieber weniger und seltener trinken, dafür dann mal eine gute Flasche vom Qualitätsbetrieb des Vertrauens. Cheers to quality!

Übrigens: du kannst deine Nase und deinen Gaumen trainieren! Riech an allem, was du in die Finger bekommst. Nutz jede Gelegenheit, insbesondere beim Kochen und speichere die Aromen ab. Unser Hirn kann besonders gut mit ihnen. Verkoste Weine blind und versuche, ohne den Einfluss von optischen Faktoren wie Etikett oder Flasche den Wein einzuschätzen. Auch den Preis schaust du dir idealerweise (wenn möglich) erst nach dem Verkosten an. Das schult und macht außerdem viel mehr Spaß.

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